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 Foto: Ross Halfin

WEBSITE: www.themarsvolta.com
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Die Entstehungsgeschichte des neuen Albums von The Mars Volta âThe Bedlam in Goliathâ ist sicherlich eine der seltsamsten der modernen Musik. Es ist ein MĂ€rchen von lange verschollenen Mordopfern und ihren EinflĂŒssen aus dem Jenseits in unsere Welt; beginnend mit einem Streit, auf den um ein Haar der totale Zusammenbruch folgte und schlieĂlich der letzte Schritt, der der âPlatte, die niemals auf die Welt kommen wollteâ, das Leben schenkte. Ich verspreche Ihnen, wir werden all das genauestens fĂŒr Ihr VerstĂ€ndnis und zu Ihrer Unterhaltung erörtern.
Doch fĂŒr den Augenblick, bevor wir neue Passagiere zu der Wahnsinnsfahrt âThe Bedlam in Goliathâ an Bord des Volta Express willkommen heiĂen, mĂŒssen wir warm laufen. Somit prĂ€sentieren wir voller Stolz: âDie Geschichte von The Mars Volta in Kurzformâ.
Zur Jahrtausendwende entschieden Gitarrist/Produzent Omar Rodriguez-Lopez und SĂ€nger/Songschreiber Cedric Bixler-Zavala unter dem Name The Mars Volta eine musikalische Beziehung einzugehen. Sie rekrutierten einige unerschrockene Musiker und nahmen eine EP namens âThe Tremulantâ auf. Diese EP war einerseits seltsam und anderseits unglaublich, ein bahnbrechendes Werk, das die Grenzen der VorgĂ€ngerband âAt The Drive-Inâ sprengte.
Das nĂ€chste Album âDe-Loused In The Comatoriumâ konnte gleichzeitig als Klage- und Loblied auf ihren Freund Julio Venegas verstanden werden, obgleich in den Songs die Lebens- und TodesmĂŒhen des fiktionalen Charakters Cerpin Taxt nachgezeichnet wurden. âDe-Loused In The Comatoriumâ war zugleich entblöĂend, wuchtig und einflussreich.
âFrances the Muteâ, das nĂ€chste Werk von The Mars Volta, thematisierte ebenfalls den schmerzlichen Verlust eines Freundes der Band. Das zu gleichen Teilen bizarre und mĂ€chtige Album ist dem Musiker und Bandkollegen Jeremy Ward gewidmet. Omar verzichtete ab dieser Platte auf den poppigen Schimmer, den Rick Rubin ĂŒber das erste Album gezaubert hatte und entschied sich als alleiniger Produzent fĂŒr experimentelle GefĂŒge und Strukturen. Nennt man âIf De-Loused...â ein Werk der Dunkelheit, dann ist âFrances the Muteâ ein Obsidian, Vulkanisches Glas. Voller Inspiration. Und WĂŒrde.
Das letzte veröffentlichte Album von The Mars Volta heiĂt âAmputechtureâ und ist die erste Platte der Band, die, abgesehen von der weiter fortschreitenden musikalischen Evolution, kein zentrales Thema hat. Omar fungiert nun als Regisseur / Dirigent / VisionĂ€r. Er komponiert Musik und Motivation, wĂ€hrend Cedric seine Stimme und Lyrics um die vielschichtigen Songs legt, die sich inhaltlich mit Hexenverbrennung, kultureller UnterdrĂŒckung und Wahnsinn beschĂ€ftigen. Die sich verdichtende IntensitĂ€t der Single âViscera Eyesâ allein ist den Preis der Platte wert.
Die Touren, die The Mars Volta zu jedem Album absolvierten, entwickelten sich zu Gruppenversuchen ein Standard-Konzert in etwas, das man bestenfalls als audiellen Blitzkrieg in Worte fassen kann, zu transformieren. Saul Williams, sicherlich kein Pfuscher in der Kunst der Live-Performance, sagte einst, dass er sich als Vorband beeilt hÀtte, damit er schneller in den Genuss von The Mars Volta kÀme.
Sie sehen: Sie brauchen diese Alben, sollten diese nicht schon in Ihrem Besitz sein. Wenn Sie bereits stolzer EigentĂŒmer diverser The Mars Volta-Platten sind, wissen Sie genau, wovon ich hier spreche. Sicherlich warten Sie dann schon gespannt auf âThe Bedlam in Goliathâ als die Platte des Jahres. Und genau wie ich wissen Sie, dass The Mars Volta ihre Stadt mit einer ihrer sensationellen Live-Shows einnehmen wird. Sie mĂŒssen dort sein, sonst wird ein kleines StĂŒck ihrer Seele sterben. Das ist wissenschaftlich nachgewiesen.
Nun, wir sind soweit. Meine Damen und Herren, wir befinden uns unmittelbar vor der Veröffentlichung der groĂartigen neuen Platte von The Mars Volta. Und nun die versprochene Geschichte:
Vielleicht fangen wir am besten mit einem Prolog zu diesem verstörenden MĂ€rchen an, fĂŒr die Zyniker und Pragmatiker unter ihnen, solcherlei Menschen, die ihr Leben lieber in Langeweile leben und im Angesicht groĂer Geschichten immer zuerst unglĂ€ubig die Augen rollen. Das ist ihr gutes Recht. Aber diejenigen unter ihnen, die gewillt sind zu glauben, dass Metaphysik ein elementarer Teil der Physik ist, den unserer Gehirne nicht verarbeiten können, werden die Gewalt dieser Worte verstehen.
Diese Zitate von zwei Volta-WeggefÀhrten ebnen den Weg:
âDeine Worte bauen deine Welt. Sieh dir Biggie (Notorious B.I.G.) an. âReady to Dieâ. Gesagt, getan. Zack. Totâ
-Saul Williams (schon wieder)
âDies ist der Sound dessen, was dich leise tötet. Dies ist der Sound der Wahrheit, an die du nicht glaubst. Dies ist der Sound dessen, was du nicht tun willst, aber trotzdem tust.â
-El-P
Und nun, endlich, erzÀhle ich Ihnen die Geschichte:
Omar befand sich in einem KuriositĂ€ten-Shop in Jerusalem. Dort fand er das perfekte Geschenk fĂŒr Cedric: Ein antikes âOuija- Boardâ, ein okkultes Kommunkationsbrett, durch das man mit den Toten sprechen kann. Und so verĂ€nderte Omar , in der Stadt in der religiöse Leidenschaft in der Luft liegt; in einem Laden, in dem man auch Affenklauen oder Fabelwesen hĂ€tte erwarten können, die Geschichte von The Mars Volta. HĂ€tte er in diesem Augenblick die Geschichte des Ouija-Boards gekannt, seine Herkunft verstanden und seinen furchterregenden Ursprung in der Todeswut des Vielköpfigen Goliath, der hinter den Toren einer anderen Welt auf ihn wartete, erahnt, hĂ€tte er es wohl auf dem staubigen Regal des Ladens zurĂŒckgelassen.
Das Gute an seiner Entscheidung: Kein wahrhaft böser Geist entwischte dem Ouija-Board.
Lediglich Wahnsinn folgte. Lediglich bizarre Verflechtungen einer Liebes/Lust/Mord-Dreiecksgeschichte drohten sich auf die Band zu ĂŒbertragen sobald sie ihre Finger auf das Brett legten.
Und das Schlechte: Ohne die Entbehrungen aufgrund des okkulten Spielbretts hĂ€tte es âThe Bedlam in Goliathâ nie gegeben. Am Ende half das spirituelle schwarze Loch im Ouja-Bord The Mars Volta einen weiteren, krönenden Moment ihrer bereits glorreichen Karriere zu kreieren.
HĂ€tte Omar das dunkle Kleinod nicht entdeckt und diese Brett niemals fĂŒr Cedric gekauft, wĂ€re die Band viel glĂŒcklicher, gesĂŒnder und viel weniger verflucht. Aber Sie und ich, verehrter Hörer, hĂ€tten unseren Kopf fĂŒr dieses verdammt groĂartige Album opfern mĂŒssen!
Und das ist nicht alles.
Erinnern wir uns fĂŒr einen Augenblick an die letzte groĂe Tour. The Mars Volta und The Red Hot Chili Peppers lieĂen ganze Hallen in Schutt und Asche zurĂŒck, bevor sie nach dem Konzert in ihre Busse stiegen und im Dunkel der Nacht verschwanden. Anstelle der gĂ€ngigen Rock-Gott-Rituale hockten die Jungs fieberhaft ĂŒber dem Ouija Brett, dass sie âDen Wahrsagerâ getauft hatten. Sie waren ihm verfallen, dem âWahrsagerâ, er wurde zur Sucht nach den Shows. Der Wahrsager nannte ihnen diverse Namen aus dem Jenseits: Goliath, Mr. Mugs, Partience Woth und Tourniquet Man.
Der Wahrsager offenbarte auch eine Geschichte: Einst lebte ein Mann, eine Frau und deren Mutter. Leidenschaft durchdrang die Drei. VerfĂŒhrung und dann Untreue bestimmten den Fortlauf der Geschichte. Schmerz ĂŒberkam die Protagonisten. Am Ende stand Mord. Eingeweide, FlĂŒche, BewuĂtlosigkeit, Vergessen. Jaja, tatsĂ€chlich erzĂ€hlte das Ouija-Brett den Jungs genau die Art von unheimlichem ScheiĂ, den man von einer Seonce erwartet.
Nun aber der Harken an der Sache:
Der Wahrsager zwang die Band Gegenleistungen zu erbringen. Die Verbindung war gegenseitig und unsichtbare Stimmen regten ihren Appetit an. TMV boten Auflösung und Vergessen an, oder vielmehr, sie boten es an, um die Stimmen zu verfĂŒhren.
Die Stimmen fĂŒgten sich zu âGoliathâ zusammen, einem metaphysischen Sumpf, einem gefallenen Heiligen, dessen Sehnsucht wieder in die reale Welt zurĂŒckzukehren von Verbindung zu Verbindung wuchs.
Es gibt keine sicheren Wege die Verbindung zwischen dem Jenseits und Diesseits wieder zu schlieĂen. Die TĂŒr war geöffnet. Doch The Mars Volta scheute keine Gefahr. Sie hielten den Kontakt zur Welt der Geister. Sie nahmen sogar Phrasen aus dem Jenseits und schrieben sie in ihre Songs. Aber niemals, niemals boten sie sich als Körper fĂŒr die Geister an. Und der schmachtende Goliath wurde immer gieriger.
UnerklĂ€rliche, technische Probleme fingen an die Tour zu ĂŒberschatten.
Konflikte mit dem Drummer eskalierten und endeten in einem Personalwechsel. Rituale ebnen den Weg zu Verletzungen und bald wurde Cedric von einer zufĂ€lligen (und schweren) FuĂverletzung lahm gelegt.
Plötzlich bröckelte die seelische Gelassenheit eines normalerweise absolut stabilen und zuverlĂ€ssigen Technikers, bis er gezwungen war, das Projekt zu verlassen. Die FĂ€hrte, die er hinterlieĂ, war undurchschaubar.
Omars Studio stand eines Tages unter Wasser und um ein Haar wÀre er seinem Techniker auf seinem Weg in den Wahnsinn gefolgt.
Langwierige Verzögerungen ĂŒberkamen die Albumproduktion und die Beteiligten wurden von Schlafstörungen geplagt.
Sinnlose Worte und Phrasen aus Sessions mit den Ouija-Brett tauchten nun öfter zufĂ€llig in, sagen wir, Dokumentationen ĂŒber Massenselbstmorde auf.
Eines Tages blĂ€tterten die Beschriftungen am Ouija-Brett ab und offenbarten Pre- AramĂ€ische Schriftzeichen, die in seltsamen Formen quer ĂŒber das ganze Brett geschmiert waren.
Dies ist ein sehr, sehr schlechtes Omen. Schnell drohte die Welt um die Band in StĂŒcke zu brechen.
Es kommt noch schlimmer:
Das Brett fÀngt an zu drohen.
Drohen!
Das warâs. Die Band vergrĂ€bt das verflixte Ding.
Es gibt zahlreiche Versuche Verbindungen mit Geistern zu versiegeln. Man kann ein ganzes Jahr WeiĂ tragen. Umgeben Sie sich mit Salz zum Schutz. SchlieĂen Sie einen Schrank und bitten Sie jemand anders ihn wieder zu öffnen, damit ĂŒbertragen Sie die Besessenheit auf die andere Person. Brechen Sie das Brett in sieben Teile und besprĂŒhen Sie es mit Weihwasser.
Oder Sie vergraben es.
Omar wickelte den Wahrsager in Lumpen und fand einen passenden Platz tief in der Erde. Cedric bat Omar, den Ort vor ihm geheim zu halten.
Und daraufhin fand das Album eine neue Bestimmung.
âThe Bedlam in Goliathâ kommt, um die Erde, in der der Wahrsager auf seine RĂŒckkehr wartet, zu segnen. Es ist eine Metapher fĂŒr Metaphysik. Seine Geschichte wird veröffentlicht und Sie und ich, verehrter Zuhörer, werden diejenigen sein, die das verdammte Brett wieder zum Leben erwecken werden. Wir werden die Herren ĂŒber seine verdammte Seele werden.
Wenn Goliaths Hunger zwischen all unseren Seelen aufgeteilt wird, wird es uns gelingen seine Macht zu zerschlagen. Schlimmstenfalls kommt es zu einer Epidemie.
So, das war die Geschichte, doch, bis heute ist sie niemals zu Ende erzÀhlt worden, denn das Biest ist auf dem Weg die Herzen und Köpfe der zahllosen Hörer von The Mars Volta zu erobern. Meine letzte Hoffnung ist, dass das Album, ganz so, wie Mars Volta es aufgenommen haben, die unsichtbaren Lasten des Fluchs aufheben wird.
Als die Band mir die Platte schickte, um diesen Text zu verfassen, war ich nervös. Was wĂŒrde mit mir passieren, wenn schon die Musik verdammt ist? Was wĂ€re, wenn âThe Bedam in Goliathâ eine Art Audio-Macbeth ist?
Aber nach hunderten von Listening Sessions kann ich Ihnen versprechen, dass ich eine kleine spirituelle Verdammnis fĂŒr dieses Album riskieren wĂŒrde.
Von dem Opener Aberinkula to the Brobdingnagian bis zum Wahnsinn und Flucht von Conjugal Burns, âThe Bedlam in Goliathâ ist der Soundrack zur Transformation der Band. The Volta war niemals das, was man normalerweise maĂvoll nennen wĂŒrde, aber das Herz dieses âBedlamâ, dieses Tollhauses, ist die zĂ€hnefletschende Antwort auf die unsichtbare Bedrohung aus dem Ouija-Brett; ein wahrhaft musikalisches Schwergewicht.
Die alte Garde (Omar Rodriguez-Lopez, Gitarre und Produktion; Cedric Bixler-Zavala, Gesang und Lyrics; Isaiah Ikey Owens, Keyboard; Juan Alderete de la Pena, Bass; Adrian Terrazas-Gonzalez, BlĂ€ser; Marcel Rodriguez-Lopez, Percussion; Paul Hinojos, Gitarre und Soundboard; Thomas âHoly Fucking Shit This New Guy is Incredibleâ Pridgen, Drums; und Red Hot Chili Pepper/Regular-Volta-Album-Contributor John Frusciante an der Gitarre) hat eine Platte gemacht, die die Echos ihrer vergangenen Arbeit perfekt mit dem Willen neues musikalisches Territorium einzunehmen, verbindet.
Wax Simulacra trĂ€gt die Energie von De-Lousedâs This Apparatus Must Be Unearthed und ĂŒberhöht die Stimmung mit rasenden, gesampelten GesĂ€ngen und Trommelwirbeln ĂŒber BlĂ€sersĂ€tzen. Das hirnverdrehende, durchgedrehte Crecendo von einem Song wie Frances the Muteâs Cassandra Geminni oder Amputechtureâs Viscera Eyes haben Platten und Live-Shows der Volta schon immer ein wenig Transzendenz eingehaucht. Es gibt Augenblicke in neuen Songs wie Goliath und Cavelettas and Ouroboros, die dem Hörer KrĂ€mpfe bereiten werden, vielleicht gar 'Scannersâ-mĂ€Ăige Kopf-Explosionen. ZurĂŒckhaltendere neue Songs, wie Ilyena oder Tourniquet Man konzentrieren das seltsame Lament andere stillen Volta- Nummern mit einem unheimlichen Sinn des Wahns. Die gesamte Volta-Crew liefert noch mehr als sonst. Und, fĂŒr alle, die den neuen Drummer fĂŒrchten: Kein Grund zur Sorge. Auf The Bedlam in Goliath entpuppt Mr. Pridgen sich als ein Drum-Berserker, der gemahlenes Mastodon durch die Nase und Geparden-Blut hinter sich her zieht. Seine Arbeit ist sowohl meisterhaft als auch explosiv, und, oftmals, beides zugleich.
Inmitten dieser Lobes-Rapsodie erscheint der Aufwand, den Omar und seine Mannen aufbrachten um diese Todgeburt von einem Album mit prallem Leben zu fĂŒllen, nebensĂ€chlich. Die Sound-Spuren, die der erste, verfluchte Ingenieur (dem es mittlerweile ĂŒbrigens viel besser geht) hinterlieĂ, waren bis zur beinah Unkenntlichkeit verwoben. Die Ruinen der Aufnahmen wurden durch seine Abwesenheit zu einem Puzzle. Es musste wiederhergestellt werden, was die Band zuvor aufgenommen hatte. Robert Carranza vergrub sich in der Technik, ja, er versank förmlich in dem Projekt und fokussierte die Produktion auf Drum Sounds. Lars Stalfors und Isaiah Abolin wurden auch noch dazugerufen, um zusammen mit Omar Licht in das Dunkel zu langer Songs zu werfen. Sie versklavten sich förmlich, um jeden einzelnen Track wiederzubeleben. Shawn Michael Sullivan und Claudius Mittendorfer taten im Musik-Schnitt ihr Bestes, um zu retten, was zu retten war. Sonst hĂ€tte die Band von vorn anfangen mĂŒssen. Der verlĂ€sslichste Volta-Mixer Rich Costey versuchte die Laune oben zu halten und half Omar , Goliaths Quantenverstrickung zu entwirren. Rick begriff die ganze Dimension des Fluchs aber erst, als verschiedene Drum-Tracks einfach verschwanden.
Die Tiefe der Verwirrung wird deutlich, wenn man weiĂ, dass Omar , bis dahin immer das Epizentrum des Kampfes, fast aufgegeben hĂ€tte. Jener Omar Rodriguez-Lopez, der nach Amsterdam gezogen ist und dort vier Kult-Solo-Alben eingespielt hat, wĂ€hrend er gleichzeitig an âAmputechtureâ und einem Soundtrack fĂŒr den Jorge Hernandez Film âEl Bufalo de la Nocheâ arbeitete. Der gleiche Typ, der wahrscheinlich an einer DVD, seinem eigenen Film und ungefĂ€hr zehn neuen Alben arbeitet. Aber es gab Augenblicke wĂ€hrend der Produktion von Bedlam, in dem seine schier unbeugsame, kreative Kraft auszutrocknen drohte. Und Sie können sicher sein, dass Goliath seine Finger im Spiel hatte.
Nachdem das Studio unter Wasser stand, verbot Omar, das Ouija-Brett auch nur zu erwĂ€hnen. Er fĂŒrchtete, dass allein die Nennung des Bretts fatale Folgen mit sich bringen wĂŒrde. Trotz des Verbots blieb der Fluch ĂŒber ihm hĂ€ngen. Wachte er morgens nach nĂ€chtlichen InspirationsschĂŒben auf, stellte er verzweifelt fest, dass die gesamte Arbeit einer Nacht durch einen Stromausfall in seinem Loft ausgelöscht worden war. Die Produktion verwandelte sich in einen Alptraum. An manchen Tagen erschien ihm die Arbeit wie die des Sisyphus, so dass Omar zum Grab des Wahrsagers pilgerte, um sicherzugehen, dass er nicht exhumiert und somit reaktiviert worden ist.
Nun, da mir all die unfassbaren Herausforderungen bekannt sind, die mit der Produktion von âThe Bedlam in Goliathâ einher gingen, ist meine Huldigung fĂŒr Omars Produktion gröĂer denn je. Mit dieser Platte erschuf er einen Meilenstein fĂŒr die, die KomplexitĂ€t und UrsprĂŒnglichkeit zusammenbringen können, wenn die Musikdramaturgie es verlangt. Es ist ein Album, das sowohl fĂŒr 3:00-Uhr-morgens Kopfhörer-Fan als auch den 90-Meilen-pro-Stunde-auf-dem-Highway-Typen bei voller Dröhnung befriedigen wird. Das Album birgt beides, Kontrolle und Experimentierfreudigkeit. FĂŒr jeden Augenblick umstĂ€ndlich-verworrener Drum-Sounds, schillernder BlĂ€serarrangements und heulender Gitarren gibt es Spielerisches; wie fricklige Basslinien am Ende von Ilyena oder eingefĂŒgte Sounds aus Jerusalem, Wechsel zwischen Demo- und Studioversion bei Askepios. MĂŒsste man eine filmische Analogie nennen, wĂŒrde mir nur Kubrick oder Fincher einfallen, die auf einem Tandem mit Bunuel oder Jodorowsky fahren.
Wenn ich es mir so recht ĂŒberlege, könnte man Ă€hnliche Analogien fĂŒr das ganze Album finden. The Volta haben immer schon die EinflĂŒsse des Surrealismus und des Films in ihre Arbeit eingebunden. In Relation zu Jodorowsky, verbindet das Album The Bedlam in Goliath die Besessenheit von Fando y Lis, den Betrug, Mordslust und Verehrung aus Santa Sangre, die weitreichende religiöse Vorstellungskraft aus Holy Mountain mit der Offenbarung und dem Schmerz von El Topo. Stellen Sie sich vor, man reichere diese Mixtur mit der IdentitĂ€tskrise, dem Mind-Fuck von David LynchÂŽs merkwĂŒrdigsten Werken und Werner Herzogs Obsession an, mische ein Paar Tropfen Jonestown: The Life and Death of Peoples Temple, eine Prise Der Exorzist und Wenn die Gondeln Trauer Tragen, dann bekommen sie eine Vorstellung vom neuen Album der Mars Volta.
Was die Lyrics angeht, möchte ich nur so viel sagen: Seien Sie vorsichtig. Cedric Bixler-Zavala benutzt einfache, englische Wörter und spricht dennoch in einer ganz eigenen Sprache, wie Björk oder Ghostface Killah. Sollten Sie versuchen, die Bedeutung hinter seinen Worten, seine Obsession mit dem Grotesken und dem Heiligen zu erfassen, werden Sie verstehen, dass er einen Teppich mit der PrÀzision eines Spinnennetzes gewoben hat. Und ehe Sie sich versehen, sind Sie gefangen.
Je mehr Sie sich in die Geschichte fallen lassen, die in ihrer meta-fikitonalen Narrative groĂe Ăhnlichkeit mit Danielewskiâs House Of Leaves birgt, indem sie sowohl die SĂŒnde der Vergangenheit als auch die Begierde Goliaths die Ouija-Brett Nutzer zu besetzen, erzĂ€hlt, umso mehr werden Sie seine Hinweise auf die Geschichte des Bretts und die unheimlichen Verbindungen zwischen den verschiedenen Ebenen verstehen. Sie werden die VerknĂŒpfungen zwischen Stimmeffekten und Botschaften aus dem Jenseits verstehen. Sie werden fragen, warum sich die Geschichte plötzlich so sehr darauf konzentriert, Goliath in ihre Welt einzuladen. Bald werden Sie im Schatten zusammenzucken, Salz horten und weiĂe Kleidung tragen, Sie werden sich mit Charts und Grafiken und Statistiken umgeben, denn Sie suchen ein Muster, eine Lösung zu der Formel, Sie werden Ihre eigenen, primitiven Algorithmen sehen, wenn Sie dem Album zuhören und das Phantom bis in Ihr Knochenmark spĂŒren. Sie werden anfangen zu hoffen, dass all die positiven Aspekte, die Cedric in den Songs versteckt hat, wie religiöse Referenzen, Gebete, Fabeln, versteckte Namen verehrter Schauspielerinnen mit Hinweisen auf deren Zyklus und vage Hinweise auf Vergebung, Ihnen helfen werden, Ihre Balance zwischen Gut und Böse wieder herzustellen, oder, bestenfalls, das Böse der aus der Dunkelheit geborenen Platte zu revidieren.
Sie mĂŒssen einfach Fragen stellen. Was inspirierte die tragische Dreiecksbeziehung? Wer hatte die Kontrolle ĂŒber die Situation? Wer war Opfer, wer TĂ€ter? War irgendjemand unschuldig? Was geschah mit den Leichen? Wie wurden ihre unsterblichen Seelen im Wahrsager eingeschlossen? Und, sollten sie jemals ins Diesseits zurĂŒckkehren, was werden sie anrichten?
Die Antworten (und mehr) sind in dem Album verborgen, sie schenken jeder Ebene eines jeden Songs das Leben, seine KomplexitĂ€t, seine Schwerkraft. Und je aufmerksamer Sie zuhören, desto weiter wird Ihre Reise in die AbgrĂŒnde von âThe Bedlam in Goliathâ gehen. Das audio-celluloid-afine Epos von The Mars Volta wird sich in seiner ganzen lĂ€rmenden und zwingenden GröĂe vor Ihnen entblĂ€ttern.
Dieses Album ist das Echo einer- in voller GröĂe erblĂŒhten- um ihr Leben spielenden Band. Es besitzt solch seltsame KrĂ€fte, dass ich zu behaupten wage, dass Goliath fĂŒr immer in seinem GefĂ€ngnis begraben bleiben wird.
Versprochen!
Tracklist âThe Bedlam In Goliathâ:
01. Aberinkula
02. Metatro
03. Ilyena
04. Wax Simulacra
05. Goliath
06. Tourniquet Man
07. Cavalettas
08. Agadez
09. Askepios
10. Ouroboros
11. Soothsayer
12. Conjugal Burns
(Quelle: Universal Music Group) FORMAT: CD
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