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CD-DETAILS POSTCARDS FROM A YOUNG MAN [MANIC STREET PREACHERS]


Foto: Dean Chalkley

Manic Street Preachers

Postcards From A Young Man [Pop]


RELEASE: 17.09.2010


LABEL: Columbia

VERTRIEB: Sony Music

WEBSITE: www.manics.co.uk

Postcards From A Young Man Facebook MySpace Amazon 

Trommelwirbel, Fanfare, ZĂ€sur: Achtung, JubilĂ€um! Mit “Postcards From A Young Man” veröffentlicht die walisische Pop/Rock-Institution Manic Street Preachers im September 2010 ihr mittlerweile 10. Album. Darauf sollen – die Fans wird’s freuen - altbewĂ€hrte QualitĂ€ten zum Tragen kommen: Nach dem vorsĂ€tzlich vergangenheitsbewĂ€ltigenden Werk „Journal For Plague Lovers“ im vergangenen Jahr, das unter der Leitung Krach-KoryphĂ€e Steve Albini entstanden war, kĂŒndigt die Band fĂŒr den kommenden Release u. a. Refrains im Stadionformat Ă  la „Everything Must Go“ und eine RĂŒckkehr zu den klassischen Rock-Wurzeln ihres 2007er-Albums „Send Away The Tigers“ an.



„Wir setzen diesmal wieder auf große Radio-Hits“, diktierte Frontmann James Dean Bradfield den Redakteuren des NME jĂŒngst ins Mikro. Als Produzent griff das Trio wieder auf ihren bewĂ€hrten Studio-Partner Dave Eringa zurĂŒck, der bislang an fĂŒnfeinhalb Manic Street Preachers-Alben (u.a. der UK-Nummer-1-LP „This Is My Thruth Tell Me Yours“) und Bradfields Solo-Longplayer "The Great Western"aus dem Jahre 2006 entscheidend mitgewirkt hatte. Chris Lord Alge (Green Day, Billy Talent, Paramore) ĂŒbernahm den Mix.

AnlĂ€sslich der Veröffentlichung von “Postcards From A Young Man” unternimmt die Band ihre bis dato umfangreichste Tournee durch Großbritannien. Zwischen dem 29. September und 1. November spielen James Dean Bradfield, Nicky Wire und Sean Moore knapp zwei Dutzend Konzerte. Im Vorprogramm: British Sea Power.

Biografie und "Track by Track
„Das Geheimnis des Lebens ist es, ein Ziel zu haben. Etwas, dem man sein ganzes Leben widmen kann, dem man alles unterstellt, jede Minute jeden Tages deines gesamten Lebens. Und das Wichtigste ist: es muss etwas sein, das du eigentlich ĂŒberhaupt nicht schaffen kannst.“
(Henry Moore)

Die meisten Bands kommen nicht bis zu ihrem 10. Album. Und oft ist das auch gut so. Denn ĂŒblicherweise haben sich bis dahin die gesamte jugendhafte Lebendigkeit, der Witz, die Freude, der Eifer und die Hingabe nahezu komplett verflĂŒchtigt. An ihre Stelle sind lĂ€ngst Selbsthass, EnttĂ€uschung und der bittere Nachgeschmack unerfĂŒllter Versprechen getreten. Oder der alles lĂ€hmende Elder-Statesman-Status, der so heimtĂŒckische Fallgruben bereit hĂ€lt wie „Lifetime Achievement Awards“, die „Rock and Roll Hall Of Fame“ oder jene Kiste, die ziemlich verdĂ€chtig nach Sarg aussieht. Man hat sich viel zu sehr an einander gewöhnt, um sich noch wertschĂ€tzen zu können, aus alten Freunden werden Fremde, die Lorbeeren sind platt gesessen und die prĂ€historischen Erfolgssongs werden alle paar Jahre fĂŒr eine Greatest-Hits-Tour aus der Schublade geholt, die Scheidungsprozesse sind durch und am Ende lauert - natĂŒrlich - der unausweichliche Steuerbescheid.

10 Alben haben nun auch die Manic Street Preachers auf dem Buckel. Doch wer der Ansicht sein sollte, die Band mĂŒsse gegen das Erlöschen ihres Feuers ankĂ€mpfen, liegt komplett daneben. Die Flamme der Waliser brannte noch nie klarer und prĂ€chtiger als heute. „Postcards From A Young Man“ ist der Follow-Up zum hochgelobten „Journal For Plague Lovers“, eine Platte, deren Texte allesamt von GrĂŒndungsmitglied Richey Edwards kurz vor dessen Verschwinden im Jahre 1995 zu Papier gebracht worden waren. Dem puristischen und durchweg erstaunlichen Album war wiederum das 2007er-Werk „Send Away The Tigers” vorausgegangen, das nicht nur die Manic-Getreuen weltweit elektrisiert hatte, sondern der Band auch zahlreiche neue Fans in neuen LĂ€ndern hinzugewinnen konnte. Ein völlig neues Publikum, das ihnen völlig neue Möglichkeiten eröffnete.

In den Jahren zuvor hatten die Manic Street Preachers einen Kanon von Alben und Singles, von Konzerten, Gesten, Interviews, Witzen, Manifesten und gelegentlich auch Outfits erschaffen, der die Gruppe zu einer der interessantesten, intensivsten und inspirierendsten Bands ihrer Generation gemacht hatte. Von der zornigen mit-Kopf-durch-die-Wand-AttitĂŒde ihres DebĂŒts „Generation Terrorists“ ĂŒber die opernhaften Pracht des stolzen „Everything Must Go“ bis hin zum ernsthaften und komplexen „The Holy Bible“ – den Manics war es stets gelungen, zu unterhalten, zu ermutigen und die GemĂŒter zu erregen. Sie ertrugen das Schlimmste und strebten nach dem Besten.

„Postcard From A Young Man“ ist vielleicht ihr bestes Album bislang. Moment, das klingt nun doch ein wenig ketzerisch. Vielleicht doch eher „eines ihrer besten Alben“. Auf jeden Fall ist es ein komplett anderes Album als, sagen wir, „Journal For Plague Lovers“ oder „The Holy Bible“. Dabei steht es weiß Gott nicht im Widerspruch zu diesen unterkĂŒhlten Meisterwerken, sondern vielmehr im Einklang mit ihnen. Es ist rebellisch, kĂ€mpferisch, gerade heraus und mitteilsam. Sein Thrill speist sich zu gleichen Teilen aus Melodie und Idee (der bewĂ€hrt berauschende Mix der Manics), und entfacht eine tosende Melancholie, wie es keine andere Band vermag. „Bei uns war das schon immer so“, erklĂ€rt James Dean Bradfield. „Schau dir z. B. den Text von ‚Motorcycle Emptiness‘ an – man könnte ihn auch auf total kalte, teutonische Art und Weise singen. Aber wir waren nie dieser Typ Band. Wir wollen dieses erhebende GefĂŒhl in unserer Musik. Wir sind nach wie vor davon ĂŒberzeugt, dass im Schreien eine Eloquenz inne wohnt, dass dich diese GefĂŒhle in eine positive Stimmung bringen und dir Kraft geben.“

„Jemand hat einmal gesagt, dass die meisten Autoren zwei großartige Romane schreiben und sich danach nur noch wiederholen“, ergĂ€nzt Nicky Wire. „Von unserer Band gibt es möglicherweise zwei Versionen. Es gibt die ‚Journal‘- und ‚Bible‘-Fassung und es gibt diese hier. Jene völlig ĂŒbersteigerte hysterische Erhabenheit, dieser Blitz der Erkenntnis. Zu feiern, was wir wirklich sind, hat etwas sehr Glorreiches. All diejenigen, die so waren wie wir, sind fort. Jetzt liegt es ganz alleine an uns.”

Die Manics sind nach wie vor von der Macht der Kunst, Dinge zu Ă€ndern und eine befreiende Wirkung zu haben, ĂŒberzeugt. Sie haben sich den Glauben an die Nische, die ihnen die liebste ist, erhalten: jene „Promadenmischung“ namens Rock’n’Roll. Ausgestattet mit einer unerschöpflichen Leidenschaft fĂŒr Politik, Kunst, Poesie, Philosophie, Film, Sport und Literatur halten sie das Prinzip „Rockband“ – mit all seinen Möglichkeiten, mit Massen von Menschen in Kontakt zu treten - immer noch fĂŒr etwas Wichtiges, Priviligiertes, ja, sogar Nobles. Ganz egal was die Schwarzseher und „Experten“ davon auch halten mögen. „Ich kĂ€me nie auf den Gedanken, mich ĂŒber die Ökonomie der Kunstwelt oder des Verlagswesens zu Ă€ußern“, sagt James. „Niemals wĂŒrde ich jemanden belehren wollen, der seine eigene Industrie zu schĂŒtzen versucht. Doch alle Nachrichten- oder Wirtschaftskorrespondenten geben stĂ€ndig ihre Expertenmeinungen ĂŒber die Musikindustrie ab und verkĂŒnden, dass sie am Ende sei. Das ist es, was einen antreibt, zu schreiben. Diese Ahnung, dass du deine Kunstform verteidigst.“

„Bei den meisten Bands ist es doch so: wenn sie erst einmal ihr 10. Album erreicht haben, kommen die Leute vielleicht noch zu ihren Konzerten, doch allen ist klar, dass die Alben der letzten Jahre Mist waren“, sagt Nicky. „Wenn du ein bekannter Musiker bist, kommen alle in die Royal Festival Hall, um dich zu sehen und sind der Meinung, dass es einfach großartig ist. Doch kein Mensch hört sich deine neue Platte an. Das ist kein Zustand, der fĂŒr uns befriedigend erscheint. Von Anfang an wollten wir, dass möglichst viele Leute hören, was wir zu sagen haben. Wir wollen unsere Songs im Radio hören. Alle reden vom Tod des Rockbusiness. Ich weiß nicht, aber wenn es so ist, dann ist dies ein letzter Versuch in Richtung Massen-Kommunikation.“

„Postcards From A Young Man“ entstand im Band-eigenen Studio in Cardiff unter der Regie der langjĂ€hrigen Produzenten-Partners Dave Eringa, gemischt wurden die StĂŒcke in Los Angeles zusammen mit Chris Lord-Alge. Das sind die 12 Tracks des Albums:


  1. „(It’s Not War) Just The End Of Love”

    Eine AbsichtserklĂ€rung. Eine Erleuchtung. Der Sound einer Gruppe, die die Pracht ihres eigenen Daseins feiert. Lyrisch, leidenschaftlich, unverhohlen melodisch mit einer Portion Eleganz und einem mitreißenden Refrain, der einen an „Your Love Alone Is Not Enough“ erinnert.

    Nick: „In unserem besten Momenten, vereinen sich Wut und Melancholie zu erhebenden Momenten. ‚Your Love Alone Is Not Enough‘ ist eine Zeile aus dem Abschiedsbrief eines Selbstmörders. Aber wir machen daraus einen weltweiten Hit. So etwas können nur wir.“

    James: „Ich wollte einen Hauch von Sehnsucht haben. Und ich wollte, dass der Song das gleiche GefĂŒhl transportiert, das Gary McCallister von Liverpool im UEFA-Cup-Finale 2001 hatte. Dieses ‚okay, ich bin vielleicht vierzig, aber dich mache ich immer noch nass‘. Ich liebe die Platten von Kings Of Leon, aber die stehen nur herum, Macca (Paul McCartney) rannte ĂŒberall herum, als wir mit ihm auf Tour waren. Wir wollen auch ĂŒberall herum sausen.”


  2. „Postcards From A Young Man”

    Ein wunderschöne Hymne an die verstreichende Zeit (“they may never be written or posted again”), die VorlĂ€ufigkeit der Wahrheit, die UnbestĂ€ndigkeit von allem und die Dynamik dieser Powerballade. Unter den anschwellenden Streichern pocht der Herzschlag in Form von Seans Drums und Nickys Bass. James‘ Solo bricht einem mit seiner Schlichtheit so ganz nebenbei das Herz. Die Koda des StĂŒckes trĂ€gt beinahe Queen-eske ZĂŒge. Vorausgesetzt, Queen hĂ€tten Nietzsches Aphorismen gelesen und wĂ€ren auch nur ein Zehntel so gut wie die Manic Street Preachers gewesen.

    James: „Ich konnte meine Liebe fĂŒr Queen immer nur heimlich ausleben, aber hier kann ich sie zeigen. Bei diesem Song gebe ich mir die BlĂ¶ĂŸe und zeige eine andere Seite. Unsere Wut war nie machohaft. Ja, wir stammen aus den Valleys. Wir lieben unseren Sport und unser Gewerkschaftwesen. Aber wir hatten auch schon immer eine andere Seite. Nicky und Richey mochten schon immer Make-Up und Kylie. Nick hatte ein pinkfarbenes Schild in seinem Schlafzimmer auf dem ‚Love‘ stand und ein putziges, flauschiges Plumeau. Wir sind immer dann am besten, wenn unsere Songs aus fĂŒnfzig Prozent Dummheit und 50 Prozent hochmĂŒtigem Angebertum bestehen.“

    Nicky: „Ich habe alle Postkarten aufgehoben, die Sean, James, Richey und meine Mutter geschickt haben, als ich an der Uni war. Wir waren sehr fleißig beim Kommunizieren. Jedes Mal, wenn die Post kam, lag da ein BĂŒndel mit einer Collage oder einem Poster. Es geht um Nostalgie und Jugend, es ist sentimental aber auch real. Und es trĂ€gt einen großartigen Manic-esken Titel. Der Arbeitstitel des Albums war ‘It’s Not Love, Just The End Of War’, doch dieser passt perfekt, zusammen mit dem Tim Roth-Bild auf dem Cover. Wir sind mit ‚Made In Britain‘ und ‚King Of The Ghetto‘ groß geworden. Es ist ganz einfach sehr Manics.“


  3. „Some Kind Of Nothingness“

    Stattlich, prĂ€chtig und unendlich traurig („remember you stretched out in the sun
 still and lonely as an old school photograph”). Dies ist ein weiteres Duett in der großen, majestĂ€tischen Tradition der Kollaborationen mit Nina Persson, Traci Lords und Dame Shirley Bassey. Diesmal ist der Duettpartner das langjĂ€hrige Idol Ian McCulloch. Ziemlich passend, den der epische, soulige Stil des Songs vereint die psychedelischen Spector-esken Klanglandschaften von ‚Ocean Rain‘ mit der Überschwang eines Gospel-Chors.

    James: „Mein erstes Konzert waren Echo And The Bunnymen in der Bristol Colston Hall, zusammen mit Richey. Ich liebte an Mac schon immer, dass er seinem Background stets treu blieb, er war sehr ‚Working Class‘, sehr brĂŒsk und ein wenig plump. Er war mysteriöser, frivoler und boshafter als Dorothy Parker. Der Song stammt komplett von Nick. Ich wĂŒnschte, ich hĂ€tte ihn geschrieben.“

    Nicky: „Angesichts der Tatsache, dass es James‘, Richeys und Seans erstes Konzert war, hat es etwas Glanzvolles, dass er auf unserem zehnten Album singt. Es handelt vom Verlust und wie wichtig Trauer ist. Und ich denke, der Gesang, den wir aus Mac heraus gekitzelt haben, ist außergewöhnlich. Ich habe ihn beim Singen gefilmt und wenn man sich das anschaut, spĂŒrt man, wie er dabei etwas aus seiner Seele ausgrĂ€bt. Wohlgemerkt, die drei Stunden davor hat er damit zugebracht, Leute nachzumachen.“


  4. „The Descent’ (Pages 1 & 2)”

    Ein leichter Akustik-Poprock Song Ă  la George Harrison, Bowie („Hunky Dory“-Phase) oder Mott zu „All The Young Dudes“-Zeiten. Die Akkordfolge ist so sommerlich-vertraut wie die eigene Kindheit und dann wieder so ĂŒberraschend wie ein plötzlicher Wetterumschwung. Ein klassischer Tourbus-Song, doch ohne all die Uralt-Klischees, den schalen Geschmack nach Bier des vergangenen Abends, den Schweißgeruch von Socken und die ‚Spinal Tap‘-DVDs. Dies ist ein lieblicher, bitter-sĂŒĂŸer Widerhall auf die goldene Jugend des Pop.

    Nicky: „Auf Tour zu sein ist heutzutage die reine Freude. Es ist zwar hart, aber ich spĂŒre dieses GefĂŒhl der WĂŒrde der Arbeit. Es ist geistige Erfrischung und erweitert deinen Horizont. Das kam allerdings erst in den vergangenen fĂŒnf Jahren, seit ‚Your Love Alone‘, das uns neuen TĂŒren von Kroatien bis Singapur geöffnet hat. Es ist ein richtiger Toursong, der innerhalb einer Stunde in Vancouver geschrieben wurde. James fiel die Melodie im Bus ein, ich hatte ein Gedicht. Nach zehn Minuten Arbeit fĂŒgte sich eins zum anderen und der Track war fertig.“

    James: „Ich hatte stets meine Vorbehalte gegen das Jammen. Da kommt eigentlich nie etwas Gutes dabei raus. Aber das hier hat einfach funktioniert. Außerdem ist es eine Reminiszenz an meine erste Liebe, ELO.“


  5. „Auto-Intoxication“

    Eine Krankheit, bei der die Körperorgane den eigenen Organismus vergiften und unter der u. a. Yukio Mishima (und in einem weit geringeren Ausmaß Nicky Wire) leidet. Hier wird sie zur Metapher fĂŒr ein toxisches, selbstzerstörerisches Gesellschaftssystem. Es ist vielleicht das widerborstigste und kĂŒnstlerischste StĂŒck auf dem Album, an dessen eigenwilliger Klanggestaltung auch John Cale mitwirkte.

    Nicky: „Wir wussten, dass das etwas fĂŒr JC sein wĂŒrde, dieses Feeling von ‚Ship Of Fools‘ vom ‚Fear‘-Album. Wir versuchten, das Bowie-Glam-Flair mit einem Neu!-Beat zusammen zu bringen. Und es enthĂ€lt einige Ideen aus dem Buch ‚The Coming Insurrection’ des Invisible Committee, das eine Art ‚Situationist International‘ fĂŒr unsere Zeit ist.“

    James: „Ich schrieb dieses StĂŒck im Studio mit Sean und es war Nicks Idee, dem Song diesen treibenden, motorischen Krautrock-Beat zu verpassen.“


  6. „Golden Platitudes“

    Mit seiner traumartigen, fast schon MOR-haften Spannung und mit seinen Streichern, dem Klavier und dem himmlischen Refrain ist dieser Song vielleicht der freundlichste und nachdenklichste auf dem Album. Doch die Stimmung verfinstert sich und die Wolken ziehen sich zusammen: der Text ist die zornige Anklage einer politischen Klasse, die jene gesellschaftliche Schicht verraten hat, die sie einst erschaffen und ernĂ€hrt hatte. Es ist der Ă€lteste Song auf dem Album und es scheint, als bilde der Text das emotionale KernstĂŒck. Text und Music: Nicky Wire.

    James: „Aus der Sicht des SĂ€ngers ist es interessant, weil der Song ziemlich viele Worte enthĂ€lt, die man unterbringen miss. FĂŒr mich ist es ein Brief an die eigene politische Partei, von jemandem, der sie verlĂ€sst und desillusioniert ist, ein enttĂ€uschter Appel an die eigene Seite. Ich denke, hier sind die Worte am Wichtigsten. Es ist einer jener Songs, bei dem der Gesang König ist.“

    Nicky: „FĂŒr mich ist das wie die Beatles auf Steroiden. Allerdings ist es mehr ‚Free As A Bird‘ als ‚Hey Jude‘, mehr Jeff Lynne als George Martin. Und Dennis Wilsons ‚Pacific Ocean Blue‘ war ebenfalls ein großer Einfluss. Der Song ist nicht sehr schwer zu begreifen. Die wahre Arbeiterklasse wird von ihrer eigenen Partei aufgegeben, der Tiefpunkt war, als New Labour jedem einen Gratis-Laptop anbot. Die Idee, dass kostenloses Wifi und ein ‚Costa Coffee‘ die Arbeiterklasse aus ihrer Armut helfen kann - so beleidigend, so hauptstĂ€dtisch.“


  7. „Hazeton Avenue”

    So wie „Motorcycle Emptiness“ ist auch „Hazleton Avenue“ ein Track, bei dem die schrillen, hinreißend pathetische Melodie-Figur – James‘ Gitarre, verstĂ€rkt durch aufwĂŒhlende Roy-Wood-Chelli – die DNA-Spiralkette des Songs bildet. Sie umgarnt dich im Nu und hĂ€lt dich fĂŒr die gesamte Dauer des Songs gefangen, der von der fast schon schuldbewussten GlĂŒckseligkeit (“please accept all my apologies”) handelt, wann man sich ganz und gar dem Augenblick hingibt. In diesem Fall: ein freier Nachmittag in einem In-Viertel von Toronto.

    Nicky: „Ich denke, die Frage hier ist: bist du tatsĂ€chlich ganz du selbst, wenn du alleine bist? Es ist eine philosophische Frage, zu der auch ich keine Antwort habe. Der Song handelt schlicht von Einfachheit und den Freuden, die ein Kaffee, eine Zeitschrift und ein großes, bequemes Bett einem bescheren können.“

    James: „Nick und Sean gingen eines Nachts vom Studio nach Hause, als mir dieser Riff einfiel. Es ist ein StĂŒck ĂŒber das Paradies des Konsumenten, ein Song, der sich fragt, ob das wirklich so ein schlechtes Leben ist. Ich mochte den Text und seine perverse Freiheit. Das Album brauchte einfach einen eskapistischen Ziggy/Elton-Moment. Mit gefiel die Vorstellung von Nick, wie er sich ganz alleine vollkommen amĂŒsiert. Was in Nicks Fall auch bedeuten kann, dass er sich fĂŒnf Stunden lang Schreibwaren anschaut.“


  8. „I Think I’ve Found It”

    Einmal mehr ein Song, der mit einem verfĂŒhrerischen Tusch beginnt, gefolgt von einer bittersĂŒĂŸen Melodie auf der Mandoline, dazu ein benebeltes Faces-Feeling mit guten Vibes und einem fast filmischen Sinn fĂŒr TrĂ€umerei. Stell dir eine menschliche Silhouette vor, die an einem prachtvollen Morgen in die schĂ€umende See lĂ€uft, im Hintergrund das Echo des Seemöwe – dann bist du nicht sehr weit entfernt.

    Nicky: „James schrieb das StĂŒck verkatert, nach einem Junggesellen-Abschied in Tenby. Der Song ist sehr James, lieblich und plĂ€tschernd, ziemlich so wie ‚Ocean Spray‘. Jene Art von musikalischer Melancholie, die einem ein LĂ€cheln auf die Lippen zaubert. Wir alle kenne solche Momente.“

    James: „Als ich ein Kind war, schrieb ich einmal einen Fanbrief an Mike Scott, als ich eine ganze Sommernacht wach geblieben war, nachdem die Waterboys gehört hatte. Ich zĂŒndete die Ecken an, damit er alt aussieht. Ich habe nie eine Antwort erhalten, aber Jahre spĂ€ter war ich in einem Flugzeug und sah, dass er vor mir saß. Ich stand auf, ging zu ihm hin und stellte mich vor. Und er sagte ‚Ich hab deinen Brief bekommen‘. Er hatte ihn ganz offensichtlich gelesen und behalten. Und irgendwie hatte er sich meinen Namen gemerkt. Das hat mich doch sehr schockiert und mich verfolgte die Sache noch eine ganze Weile, wenn ich ehrlich bin. Etwas von diesem GefĂŒhl ist in diesem Song: die Freude an der WillkĂŒrlichkeit des Lebens.“


  9. „A Billion Balconies Facing The Sun“

    Gast bei diesem Track ist Guns N' Roses-Bassist Duff McKagan. Den leichtfĂŒĂŸigen FM-Rock-Shuffle hat sich der Song beim Fleetwood-Mac-Klassiker „Go Your Own Way“ abgeschaut, er enthĂ€lt sogar eine viertaktiges Lindsey-Buckingham-GedĂ€chtnis-Solo. Doch die Gesamtstimmung ist recht unkalifornisch. Der Song trug ursprĂŒnglich den Titel ‘The Virtual’ (der neue Titel stammt von J. G. Ballard) und fĂŒhrt uns den High-Tech-Alptraum einer Internet-Kultur vor Augen, in der wir alle unsere eigenen, persönlichen Götter werden. Wo Selbstbesessenheit und Narzissmus, Rohheit und Hass den Platz von realem menschlichem Kontakt und GefĂŒhl eingenommen hat.“

    Nicky: „Das StĂŒck basiert ein wenig auf den Sachen von John Gray (der LSE-Professor, NICHT der Typ, der ‚Men Are From Mars, Women Are From Venus‘ geschrieben hat – S.M.). Er macht so eine Art ‚Philosophie fĂŒr jedermann‘, was ja keine schlechte Sache ist. Ich hatte an der Uni ein wenig Kantische Ethik und ich fand, dass sie einfach völlig unmöglich zu verstehen ist. Was John Gray im Prinzip sagt, ist, dass wir beschĂ€ftigter denn je sind, aber tief in uns wissen wir ganz genau, dass alles, was wir tun, umsonst ist. Und das Internet ist eine Welt, wo man gemeine Dinge ĂŒber Leute schreiben kann, soviel man will – ganz ohne Konsequenzen.“

    James: „Die Vorstellung, das GefĂŒhl einer Gemeinschaft durch Technologie erschaffen zu wollen, macht keinen Sinn. Das meiste, was im Internet ab geht, scheint mir erbĂ€rmlich und eitel. Ich weiß, ich klinge wie ein sauertöpfischer, alter Mann, wenn ich sage, dass ich in meinem Leben noch keinen Computer angemacht und noch nie eine Email versendet habe, aber wozu brauche ich das? Ich habe meine LĂ€den und GeschĂ€fte, mein WettbĂŒro, meinen Pub und ich spreche jeden Tag zwanzig Minuten mit meinem ZeitschriftenverkĂ€ufer ĂŒber Cricket. Was ich ĂŒber Platten weiß, habe ich im Plattenladen gelernt, und was ich ĂŒber Fleisch weiß, habe ich vom Metzger. Jetzt gibt es ein Tool, mit dem man sich ein Foto meiner HaustĂŒr bei Google Earth anschauen kann. Was gibt einem das?“


  10. „All We Make Is Entertainment”

    Der beschĂ€mende Niedergang und die GleichgĂŒltigkeit hinsichtlich der Britischen Industrie ist Thema des hyperperfekten, Über-Manics-Superrock-Songs. Er schimmert, ist resolut und graziös und die Gitarren-Architektur erinnert entfernt an Slash, Stuart Adamson und Bill Nelson.

    Nicky: „Die ultimative Ironie unserer Zeit ist doch, dass unsere nationalisierte Industrie die Banken sind. Wahnsinnig komisch. Und wahnsinnig furchtbar. Wir machen die beste Schokolade der Welt – vergesst die Belgier – und lassen es zu, dass Cadbury von Kraft gekauft wird, dem Hersteller dieses geschmacklosen, amerikanischen Mists. Und was ist der Grund? Oh, weil wir nicht in die freie Marktwirtschaft eingreifen können, oder was? Aber bei den verdammten Northern Rock ging das? Ihr lĂŒgt uns an uns Ă€ndert die Regeln, wie sie euch passen, einfach so im Vorbeigehen.“

    James: „Ich wollte, dass die Musik ein wenig nach super-geschleckter, hoffnungsloser Game Show klingt. Wie ein großer, glĂŒcklicher, aber hohlköpfiger Gigant. Wir traten bei einem Festival in Bergen auf und ĂŒberall dort gab es Sachen, die in Bergen hergestellt wurden. Wir stellen nichts her. Wir machen nur Unterhaltung, und nicht mal das können wir jetzt noch.“


  11. „The Future Has Always Been Here Forever’

    Nick singt die flotte Rocknummer mit einem Schuss Marc Bolan aus jener Zeit, als er seine Kobold-Stiefel gegen Plateau-Schuhe und seine Akustik-Gitarre gegen eine Les Paul eintauschte. Neben einem perfekten, kleinen Miniatur-„Electric Warrior“-Solo von James gibt es noch ein trauriges Trompeten-Duett von Sean zu bestaunen.

    Nicky: „Er ist ein solch wunderbarer Trompeter und wir wollten unbedingt etwas davon auf der Platte haben, denn es klingt großartig – er hat viel Fela Kuti und Hugh Masekela gehört. Es ist eine Art GlĂŒckbringer mit Bezug auf ‚Kevin Carter‘. Wie The June Brides gespielt von den Rolling Stones. Und ich denke. dass ich besser singe als jemals zuvor.“

    James: „Das ist der Sound der Band, die wir hĂ€tten sein können und macht Nicks Wilco-Obsession deutlich. Die Kombination aus Nicks Gesang und Seans Trompete können Dinge zum Ausdruck bringen, die ich als Musiker niemals erreichen kann.“


  12. „Don’t Be Evil“

    Ein stĂŒrmisches Finale. Die Manics in ihrer ganzen, ramponierten Rock-Glorie. Dazu ein Titel, der Googles schalem, nichtssagendem Unternehmens-Leitspruch aufgreift.

    James: „Das ist im Prinzip ein Übungsraum-Song, das Solo entstand ganz spontan. GrundsĂ€tzlich war es auf diesem Album eine Ehre, Musik zu Nicks Texten zu schreiben. Ich glaube, seit dem Moment, als er mit der Zeile ‚Libraries gave us power‘ ankam, wurde er stetig besser und besser, raffinierter und raffinierter, wie ein Laser.“

    Nick: „Es ist nicht einfach, ĂŒber solche Dinge zu schreiben, ohne wie ein langweiliger, alter Mann zu klingen. Und was Sean angeht könnte das nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Er ist ein Technik-Pionier, obwohl die Haupt-Herausforderung darin besteht, die Sache ĂŒberhaupt hinzubekommen. Aber man muss ein wachsames Auge haben fĂŒr Dinge, sei es nun Technologie oder die eigene gesellschaftliche Schicht. Ich halte nichts von BĂŒrger-Journalismus und Blogs. Ich will Texte von Menschen lesen, die wissen, worĂŒber sie schreiben. Ich will, dass diese Leute qualifiziert sind. Die Möglichkeit, ekelhaft und fies zu sein, ohne Angst haben zu mĂŒssen, dass es auf einen zurĂŒckfĂ€llt – als ein Mensch, der seine Klappe oft aufgerissen und dafĂŒr ziemlichen Ärger bekommen hat, Ă€rgert mich das! Es hat den Menschen das Gewissen genommen. Wenn es eine Gedanken-Polizei gĂ€be, bekĂ€me ich lebenslĂ€nglich.“


Gesellschaftliche Klassen, politischer Verrat, die bequemen LĂŒgen der Technologie, die Freuden der Einsamkeit, Liebe, Reisen, Kater, die KĂŒste, Zeitschriften, Postkarten, kurz: all die wichtigen Dinge. Nach 10 Jahren Karriere haben die Manic Street Preachers ein Album aufgenommen, dass vor Selbstbewusstsein nur so strotzt, vor Zorn schnaubt und mit ZĂ€rtlichkeit und vor Stolz erstrahlt. Als einzig verbliebene Vertreter ihrer Generation sind sie immer noch auf der Suche, immer noch unbefriedigt, doch stets angetrieben und zielgerichtet. Genau wie Henry Moore kennen sie den Hunger und die Sehnsucht, die Ruhelosigkeit, die intellektuelle Neugier, die Hoffnung, die Wut, den Enthusiasmus, die Wunder und den Zorn und die Ablehnung der zweitklassigen BanalitĂ€ten der Zerstreuungen unserer Welt – all das unterscheidet das wirkliche Leben von der Leere und den Substituten.

10 Alben. Alle beim selben Label, mit demselben Manager, derselben Presse-Agentur. James und Nicky kennen sich, seit sie 5 Jahre alt sind. Ihre ersten Songs schrieben sie mit fĂŒnfzehn, als die Minenarbeiter streikten. Diese Art der KontinuitĂ€t und Konstanten wĂ€ren den eigenwilligen, sarkastischen und unendlich unterhaltsamen Demagogen aus Blackwood mit ihren weißen Jeans, die 1990 Babycham tranken, sicherlich peinlich gewesen. Heute sind sie allerdings zufrieden mit dem, was sie sind, denn sie sind relevanter, belebender und aufregender denn je zuvor.

Stuart Maconie, Juli 2010

(Quelle: Sony Music, 31.8.2010)


FORMAT: CD


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