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âGUNTER GABRIEL verfolgt mich seit meiner Kindheit - âKomm unter meine Deckeâ. Vor nicht allzu langer Zeit stand ich dann zusammen mit ihm auf der BĂŒhne und muss sagen: Er ist einer der letzten echten GroĂstadt-Cowboys â gerade, aufrichtig und nicht kaputt zu kriegen. AuĂerdem bewundere ich ihn fĂŒr seine Zusammenarbeit mit Johnny Cash.â Ben Becker
Gunter Gabriel - Mann mit Profil
Die Nachrufe liegen lĂ€ngst in der Schublade. Sie erzĂ€hlen, dass es kam, wie es kommen musste â die ĂŒbliche, tragische Geschichte: vom TellerwĂ€scher zum MillionĂ€r und wieder zurĂŒck. Es gibt sogar bereits Fotos, die Gunter Gabriel in einen Sarg gebettet zeigen, den Hals seiner Gitarre auf der Brust.
Etwas voreilig, denn er ist noch da. Wieder da, möchte man sagen. Scheinbar runderneuert, wohlfrisiert, in ein gut sitzendes Sakko gekleidet. Eine Autobiographie gerade in Druck, ein mit groĂem Aufwand produziertes Album just fertiggestellt. Ein neuer Gunter Gabriel? âAn mir ist nichts neuâ, knurrt er, höchst lebendig. âIch habe meine Seele nie verkauft, meinen RĂŒcken immer kerzengerade gehalten â und meinen Mittelfinger ĂŒbrigens auch!â Nach einem angedeuteten bösen Blick muss er lachen. Eine tiefes, bebendes Lachen, das klingt, als wĂŒrde man zwei schwere Steinplatten langsam ĂŒbereinander schieben. Die unzĂ€hligen tiefen Kerben und Furchen seines Gesichts spielen dazu ein Ă€uĂerst amĂŒsiertes, von groĂer Lebensfreude zeugendes Spiel.
Was wurde nicht alles geschrieben und erzĂ€hlt: von einem, der gescheitert ist, fertig und kaputt; von einem, der Talent, Geld und Gesundheit verzockte; ein schlechtes Beispiel, ein Gestrauchelter wie er im Buche steht. Dabei ist er immer wieder aufgestanden. âSteh auf, Mann!â, so lautet dann auch seine Maxime â den Begriff âStehaufmĂ€nnchenâ dagegen mag er nicht sonderlich. Er passt auch nicht auf einen 120-Kilo-Kerl von fast zwei Metern.
Gunter Gabriel ist keiner, der pathetisch von sich sagen wĂŒrde âIch bereue nichtsâ. Im Gegenteil: âIch habe âne Menge Mist gebautâ, sagt er.
Trotzdem ist er aufgerĂ€umt, nachdenklich, aber guter Dinge, wenn er zurĂŒckblickt: âIch wĂŒrde dieses Leben nicht noch einmal leben wollen, um Gottes Willen â aber es war trotzdem verdammt interessant.â Er wirkt beinahe ĂŒberrascht ĂŒber das, was er erlebt und ĂŒberlebt hat. Seine stechend blauen Augen können immer noch staunen wie die eines Kindes, obwohl sie so vieles aus nĂ€chster NĂ€he gesehen haben, was andere nicht einmal im Entferntesten zu denken wagen.
âDie Ăffentlichkeit wusste immer besser ĂŒber mein Privatleben Bescheid als ich selbstâ, sagt er mit hörbarem Sarkasmus. âWoran ich aber nicht ganz unschuldig war, ich habe immer neuen Stoff geliefert.â Und der Boulevard saugte ihn dankbar auf. Diese OberflĂ€che prĂ€gte lange das öffentliche Bild von ihm, der andere Gunter Gabriel war fast bis zur Unkenntlichkeit hinter der skandaltrĂ€chtigen Medienfigur verborgen.
Zum Beispiel der groĂe Songschreiber, der neben eigenen Klassikern wie âHey Boss, ich brauch mehr Geldâ auch zahlreiche Hits schrieb, die kaum einer mit Gunter Gabriel in Verbindung bringen wĂŒrde, etwa Juliane Werdings âWenn du denkst, du denkst, du denkst daâ.
Genauso der Country-Musiker, dessen CD-Regale gefĂŒllt sind mit allen einschlĂ€gigen Namen seiner Zunft, genauso aber mit den gesammelten Werken von Jacques Brel, Charles Aznavour und Jacques Dutronc, von Franz Josef Degenhardt oder gar Wolf Biermann. Weil er grundsĂ€tzlich ĂŒber den Tellerrand hinausschaut, immer auf der Suche nach gut vorgetragenen Geschichten.
Oder der literarisch interessierte Mensch, in dessen penibel geordneter Bibliothek sich Erich KĂ€stners âLyrische Hausapothekeâ findet, BĂŒcher von Albert Schweitzer, Hermann Hesses Gesamtausgabe oder die Autobiographie von Eminem. Und Ernest Hemingway natĂŒrlich, die wichtigsten Zeilen per Hand unterstrichen, wie in jedem seiner BĂŒcher. Und letztlich auch der sorgende Familienvater, der tĂ€glich mehrfach mit seinen vier Kindern telefoniert, die verstreut in Deutschland, Portugal und England leben. Er hat sie immer unterstĂŒtzt, auch finanziell, selbst wenn das Geld fĂŒr das Nötigste oft fehlte.
âGunter Gabriel ist wie ein Koyote auf âner Pudelpartyâ, sagte einmal jemand in einer Laudatio ĂŒber ihn. âIch bin Rock ânâ Roll und StraĂeâ, sagt er selbst. âEin bisschen freaky, ein bisschen Revoluzzer, ein bisschen Macho, ein bisschen Punk, ein bisschen Proll. Aber mit ungeheurer und ungehemmter Energie.â Auch wenn es widersprĂŒchlich klingt: In seiner demonstrativen Einfachheit ist Gunter Gabriel ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk, das KĂŒnstler aus ganz anderen Bereichen fasziniert und anzieht. Der Schauspieler Ben Becker zĂ€hlt Gunter Gabriel zu seinen groĂen Idolen, Punklegenden wie Carsten Vollmer, Farin Urlaub oder Die Kassierer zollen ihm Tribut. David Gritl, Betreiber des legendĂ€ren Punkschuppens âKing Calaveraâ in Hamburg, nennt Gunter Gabriel ehrfĂŒrchtig den âGodfather of Punkâ. Was Gunter Gabriel ĂŒberrascht: âIch fĂŒhle mich absolut nicht als etwas Besonderes.â Und ein wenig nachdenklich ergĂ€nzt er: âAber ich scheine doch irgendwie anders zu sein.â
Mit all diesen BrĂŒchen und WidersprĂŒchen hat Gunter Gabriel mittlerweile zu leben gelernt, er ist bei sich selbst angekommen. Und es geht ihm besser denn je. âIch musste vieles akzeptieren: Ich kann offensichtlich nicht mit Geld umgehen, ich bin nicht bindungsfĂ€hig â so sehr ich es mir auch immer gewĂŒnscht habe â, und diese allgemeinen
Definitionen, was ein glĂŒckliches Leben sein soll, die treffen auf mich einfach nicht zu. Streng genommen bin ich ein Verlierer, zumindest nach den gĂ€ngigen Vorstellungen. Aber ich fĂŒhle mich nicht so. Ich empfinde mich als Gewinner.â Diese Erkenntnisse bedeuten fĂŒr ihn Freiheit, sein höchstes Gut, seine eigenes Wort fĂŒr GlĂŒck. âIch habe irgendwann verstanden, dass es das war, danach hatte ich immer Sehnsucht gehabt. Die Freiheit, alles selbst in der Hand zu haben. Aber wie Kris Kristofferson schon sang: âFreedomâs just another word for nothinâ left to looseâ â erst durch meinen Niedergang habe ich diese Freiheit gefunden.â
In diesem Zustand hatte er sich, mit Mitte 60, eigentlich behaglich eingerichtet, bereit, sein Leben ausklingen zu lassen. Er spielt weiter Konzerte, die ihm sein Auskommen sichern, er arbeitet weiter an neuen Projekten. Allerdings ohne noch jemals Gedanken an das ganz dicke Business zu verschwenden. âMich wollte ja keiner mehr, zumindest, was die groĂe Musikwelt anging. Ich habe ja auch âne Menge verbrannte Erde hinterlassen.â Umso verwunderter ist er, auf welch groĂes Interesse seine Ideen plötzlich wieder stoĂen. Und froh ĂŒber die unverhoffte, spĂ€te Aufbruchstimmung: âIch bin dankbar fĂŒr diesen Tritt in den Arsch. Es ist fĂŒr mich ein Geschenk. Ich könnte weinen vor Freude, dass es noch einmal richtig losgeht: Alter Junge, halt dich ran, es geht nicht ewig weiter. Verplemper nicht den Rest deines Lebens, gib noch ein bisschen Gas!â Das Wort âComebackâ will Gunter Gabriel in diesem Zusammenhang allerdings nicht hören, âganz einfach, weil ich immer mit dem Arsch am Wackeln war. Vielleicht könnte man eher sagen: Dies alles ist einfach ein schönes Finale fĂŒr mein Leben.â
Sohn aus dem Volk
Gunter Gabriel hat einen langen Anlauf genommen, um zu seinen Wurzeln zurĂŒckzukehren: ein Mann, eine Stimme, eine Gitarre. Beiwerk nur so viel, dass es diese Troika nicht stört.
Unter dieser einfachen Decke enthĂ€lt âSohn aus dem Volkâ ausnahmslos alles, was Gunter Gabriel ausmacht. Angefangen mit seinen Vorbildern, die in Sound und Haltung an vielen Stellen anklingen, Willie Nelson etwa oder Lonnie Donegan mit seiner Working-Man-AttitĂŒde. Vor allem aber Johnny Cash, sein Freund, mit dem Gunter Gabriel gemeinsam auf der BĂŒhne stand, den er bei AbstĂŒrzen erlebte und in dessen Studio er wenige Tage vor seinem Tod einige Cash-Songs auf Deutsch aufnahm. Letztlich war es auch Johnny Cash, der mit seinem SpĂ€twerk, den von Rick Rubin produzierten âAmerican Recordingsâ, die InitialzĂŒndung fĂŒr das neue Album lieferte: Cover-Songs, extrem reduziert, durch den Interpreten zu völlig neuem Leben erweckt. Und auch hiermit geht Gunter Gabriel zurĂŒck an den Ursprung seiner Karriere, seit seinem ersten Hit ist er ein Meister der Adaption, als er Dylans âWanted Manâ in sein âIch werd gesucht ...â ĂŒberfĂŒhrte.
Und ob er nun den Song âCreepâ in ein GĂ€nsehaut erzeugendes âIch bin ein Nichtsâ verwandelt oder kolossal-lakonisch Ideals âBlaue Augenâ interpretiert â Gunter Gabriel macht sich die Songs zu eigen, textlich und musikalisch. Peter Foxâ aktueller Hit âHaus am Seeâ schlieĂlich, unglaublich laid back in einem Delta-Blues-Gewand, klingt, als könnten diese Zeilen unmöglich von jemand anderem stammen als von Gabriel selbst. Ein Geniestreich.
Der Subtitle âGerman Recordingsâ ist eine Verbeugung vor Johnny Cash, ein Dank fĂŒr die Inspiration, doch das Album ist keine Kopie des American-Recordings-Konzepts: âSohn aus dem Volkâ enthĂ€lt neben herausragenden Duetten mit The BossHoss (âHeldenâ) und Klee (âZwei Fragenâ) einige neue Songs von einer Kraft, die nur aus groĂer Lebenserfahrung erwachsen kann: Wenn Gunter Gabriel âIch geb den Rest fĂŒr dichâ anstimmt, dann ist das fĂŒr ihn ResĂŒmee und Ausblick zugleich.
FĂŒr die Aufnahmen verantwortlich zeichnet Wolfgang Stach, der sich als Erfolgsproduzent von GröĂen wie BAP oder den Guano Apes einen Namen gemacht hat, genauso als Entdecker und Förderer junger Formationen wie Bosse oder Karpatenhund. Gunter Gabriel gilt gemeinhin als kaum ausrechenbar, als schwieriger Charakter â milde ausgedrĂŒckt. Und es ging um nicht weniger als das Album seines Lebens. Wolfgang Stach stellte sich der Herausforderung und eineinhalb Jahren intensivster Arbeit mit einer so einfachen wie schlĂŒssigen Sound-Idee: Junge Band trifft auf Erfahrung. Das Ergebnis klingt frisch und direkt, ist aber zugleich so unglaublich abgehangen gespielt, als wĂ€re jeder der Musiker anstelle der Muttermilch mit Wasser des Mississippi groĂgezogen worden. Auf dem Album gibt es keinen halbherzigen Ton, bis hin zum kleinsten Knacken oder RĂ€uspern ist die Entschlossenheit spĂŒrbar â ohne groĂes Drumherum, puristisch, akustisch und kraftvoll. So erdig, dass man die einzelnen Körner zwischen den ZĂ€hnen knirschen fĂŒhlt. Und so ehrlich, dass es einem TrĂ€nen in die Augen treibt, ob vor Melancholie oder Freude.
Ăber all dem steht Gunter Gabriels Stimme, sie allein diktiert Richtung und Schlagzahl. Denn eine solche Stimme weiĂ, wovon sie spricht â so ein Organ bekommt weiĂ Gott niemand geschenkt. Doch wenn die Stimme auf einem Album wie diesem erklingt, dann ist das ein akustischer Beleg, dass all der Whiskey, die zahllosen Zigaretten und die lange Zeit am Ende immerhin zu etwas nutze waren.
Wer einmal tief im Keller saĂ
Gunter Gabriel hat sein Leben aufgeschrieben. Technisch betrachtet enthĂ€lt das Buch 200 Seiten. Ereignisse bietet es jedoch weit mehr, als sie ein halbwegs normaler Werdegang je vertragen könnte. âWer mit vier seine Mutter verliert, entwickelt sich anders als jemand, der immer eine hatteâ, schreibt Gunter Gabriel eingangs, und das Buch liefert die unumstöĂliche BestĂ€tigung: In seinen unverkennbar eigenen Worten erzĂ€hlt er eine der auĂergewöhnlichsten Biografien der vergangenen Jahrzehnte.
Wie kann ein Mensch, der einmal so erfolgreich war, dermaĂen abstĂŒrzen und schlussendlich trotzdem so glĂŒcklich sein? Gunter Gabriel beginnt seine Geschichte mit den vagen Erinnerungen, die ihm von seiner Mutter geblieben sind, schildert seine Jugend als Sohn eines prĂŒgelnden SchrankenwĂ€rters, seinen Weg zur Musik. Er schont sich nicht, auch nicht in den ausfĂŒhrlichen Passagen, die von seinen vielen Aufstiegen und StĂŒrzen handeln, von Liebe und AffĂ€ren, von massiven Konflikten, ob mit sich selbst, der Staatsgewalt oder anderen AutoritĂ€ten, die Gunter Gabriel nur schwer akzeptieren kann. Depressionen, finanzieller Ruin, Momente, in denen er dem Tod mit mehr GlĂŒck als Verstand von der Schippe springt â Gunter Gabriel lĂ€sst nichts aus. Dabei verliert er jedoch nie seine WĂŒrde, seinen Humor und seine, wie er es nennt, âpositive Geisteshaltungâ.
Sein Leben fĂŒhrt Gunter Gabriel durch das gesamte Nachkriegsdeutschland, von â42 bis heute; von BĂŒnde in Westfalen ĂŒber Hamburg, Berlin, Köln und MĂŒnchen bis in den kleinsten Winkel der Republik. Ein lange Zeit rastloses Leben zwischen allen Extremen, das jetzt, in der RĂŒckschau, fĂŒr Gunter Gabriel selbst plötzlich einen Wert bekommt.
Das Buch ist nur selten wirklich chronologisch, Gunter Gabriel berichtet sehr subjektiv und aus dem Bauch heraus. Oft wendet er sich direkt an den Leser, zitiert aus seinen TagebĂŒchern oder aus prĂ€genden Songs. Doch er lĂ€sst auch andere zu Wort kommen: WeggefĂ€hrten, Freunde oder seine Ex-Frauen und Kinder, deren Erinnerungen seine Sichtweise der Ereignisse nicht selten völlig auf den Kopf stellen. Es gibt nichts zu verbergen, dafĂŒr umso mehr zu erzĂ€hlen â ehrlich, menschlich, emotional und direkt.
âWer einmal tief im Keller saĂâ erscheint parallel auch als Hörbuch, jedoch nicht in gewöhnlicher, gelesener Form. Gunter Gabriel erzĂ€hlt mehr, als dass er liest, interpretiert frei und unterbricht hĂ€ufig mit seiner Gitarre und einem ihm gerade passend erscheinenden Song. Ein akustisches Abenteuer.
(Quelle: Warner Music, 2009)
FORMAT: CD
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