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CD-DETAILS SOHN AUS DEM VOLK [GABRIEL, GUNTER]

Gabriel, Gunter

Sohn Aus Dem Volk [Deutsch RockPop]


RELEASE: 23.10.2009


LABEL: Warner Bros. Records

VERTRIEB: Warner Music Group


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„GUNTER GABRIEL verfolgt mich seit meiner Kindheit - ‚Komm unter meine Decke’. Vor nicht allzu langer Zeit stand ich dann zusammen mit ihm auf der BĂŒhne und muss sagen: Er ist einer der letzten echten Großstadt-Cowboys – gerade, aufrichtig und nicht kaputt zu kriegen. Außerdem bewundere ich ihn fĂŒr seine Zusammenarbeit mit Johnny Cash.“ Ben Becker


Gunter Gabriel - Mann mit Profil

Die Nachrufe liegen lĂ€ngst in der Schublade. Sie erzĂ€hlen, dass es kam, wie es kommen musste – die ĂŒbliche, tragische Geschichte: vom TellerwĂ€scher zum MillionĂ€r und wieder zurĂŒck. Es gibt sogar bereits Fotos, die Gunter Gabriel in einen Sarg gebettet zeigen, den Hals seiner Gitarre auf der Brust.

Etwas voreilig, denn er ist noch da. Wieder da, möchte man sagen. Scheinbar runderneuert, wohlfrisiert, in ein gut sitzendes Sakko gekleidet. Eine Autobiographie gerade in Druck, ein mit großem Aufwand produziertes Album just fertiggestellt. Ein neuer Gunter Gabriel? „An mir ist nichts neu”, knurrt er, höchst lebendig. „Ich habe meine Seele nie verkauft, meinen RĂŒcken immer kerzengerade gehalten – und meinen Mittelfinger ĂŒbrigens auch!” Nach einem angedeuteten bösen Blick muss er lachen. Eine tiefes, bebendes Lachen, das klingt, als wĂŒrde man zwei schwere Steinplatten langsam ĂŒbereinander schieben. Die unzĂ€hligen tiefen Kerben und Furchen seines Gesichts spielen dazu ein Ă€ußerst amĂŒsiertes, von großer Lebensfreude zeugendes Spiel.

Was wurde nicht alles geschrieben und erzĂ€hlt: von einem, der gescheitert ist, fertig und kaputt; von einem, der Talent, Geld und Gesundheit verzockte; ein schlechtes Beispiel, ein Gestrauchelter wie er im Buche steht. Dabei ist er immer wieder aufgestanden. „Steh auf, Mann!”, so lautet dann auch seine Maxime – den Begriff „StehaufmĂ€nnchen” dagegen mag er nicht sonderlich. Er passt auch nicht auf einen 120-Kilo-Kerl von fast zwei Metern.

Gunter Gabriel ist keiner, der pathetisch von sich sagen wĂŒrde „Ich bereue nichts”. Im Gegenteil: „Ich habe ’ne Menge Mist gebaut“, sagt er.

Trotzdem ist er aufgerĂ€umt, nachdenklich, aber guter Dinge, wenn er zurĂŒckblickt: „Ich wĂŒrde dieses Leben nicht noch einmal leben wollen, um Gottes Willen – aber es war trotzdem verdammt interessant.” Er wirkt beinahe ĂŒberrascht ĂŒber das, was er erlebt und ĂŒberlebt hat. Seine stechend blauen Augen können immer noch staunen wie die eines Kindes, obwohl sie so vieles aus nĂ€chster NĂ€he gesehen haben, was andere nicht einmal im Entferntesten zu denken wagen.

„Die Öffentlichkeit wusste immer besser ĂŒber mein Privatleben Bescheid als ich selbst”, sagt er mit hörbarem Sarkasmus. „Woran ich aber nicht ganz unschuldig war, ich habe immer neuen Stoff geliefert.” Und der Boulevard saugte ihn dankbar auf. Diese OberflĂ€che prĂ€gte lange das öffentliche Bild von ihm, der andere Gunter Gabriel war fast bis zur Unkenntlichkeit hinter der skandaltrĂ€chtigen Medienfigur verborgen.

Zum Beispiel der große Songschreiber, der neben eigenen Klassikern wie „Hey Boss, ich brauch mehr Geld” auch zahlreiche Hits schrieb, die kaum einer mit Gunter Gabriel in Verbindung bringen wĂŒrde, etwa Juliane Werdings „Wenn du denkst, du denkst, du denkst da”.

Genauso der Country-Musiker, dessen CD-Regale gefĂŒllt sind mit allen einschlĂ€gigen Namen seiner Zunft, genauso aber mit den gesammelten Werken von Jacques Brel, Charles Aznavour und Jacques Dutronc, von Franz Josef Degenhardt oder gar Wolf Biermann. Weil er grundsĂ€tzlich ĂŒber den Tellerrand hinausschaut, immer auf der Suche nach gut vorgetragenen Geschichten.

Oder der literarisch interessierte Mensch, in dessen penibel geordneter Bibliothek sich Erich KĂ€stners „Lyrische Hausapotheke” findet, BĂŒcher von Albert Schweitzer, Hermann Hesses Gesamtausgabe oder die Autobiographie von Eminem. Und Ernest Hemingway natĂŒrlich, die wichtigsten Zeilen per Hand unterstrichen, wie in jedem seiner BĂŒcher. Und letztlich auch der sorgende Familienvater, der tĂ€glich mehrfach mit seinen vier Kindern telefoniert, die verstreut in Deutschland, Portugal und England leben. Er hat sie immer unterstĂŒtzt, auch finanziell, selbst wenn das Geld fĂŒr das Nötigste oft fehlte.

„Gunter Gabriel ist wie ein Koyote auf ’ner Pudelparty”, sagte einmal jemand in einer Laudatio ĂŒber ihn. „Ich bin Rock ’n’ Roll und Straße”, sagt er selbst. „Ein bisschen freaky, ein bisschen Revoluzzer, ein bisschen Macho, ein bisschen Punk, ein bisschen Proll. Aber mit ungeheurer und ungehemmter Energie.” Auch wenn es widersprĂŒchlich klingt: In seiner demonstrativen Einfachheit ist Gunter Gabriel ein vielschichtiges Gesamtkunstwerk, das KĂŒnstler aus ganz anderen Bereichen fasziniert und anzieht. Der Schauspieler Ben Becker zĂ€hlt Gunter Gabriel zu seinen großen Idolen, Punklegenden wie Carsten Vollmer, Farin Urlaub oder Die Kassierer zollen ihm Tribut. David Gritl, Betreiber des legendĂ€ren Punkschuppens „King Calavera” in Hamburg, nennt Gunter Gabriel ehrfĂŒrchtig den „Godfather of Punk”. Was Gunter Gabriel ĂŒberrascht: „Ich fĂŒhle mich absolut nicht als etwas Besonderes.” Und ein wenig nachdenklich ergĂ€nzt er: „Aber ich scheine doch irgendwie anders zu sein.”

Mit all diesen BrĂŒchen und WidersprĂŒchen hat Gunter Gabriel mittlerweile zu leben gelernt, er ist bei sich selbst angekommen. Und es geht ihm besser denn je. „Ich musste vieles akzeptieren: Ich kann offensichtlich nicht mit Geld umgehen, ich bin nicht bindungsfĂ€hig – so sehr ich es mir auch immer gewĂŒnscht habe –, und diese allgemeinen

Definitionen, was ein glĂŒckliches Leben sein soll, die treffen auf mich einfach nicht zu. Streng genommen bin ich ein Verlierer, zumindest nach den gĂ€ngigen Vorstellungen. Aber ich fĂŒhle mich nicht so. Ich empfinde mich als Gewinner.” Diese Erkenntnisse bedeuten fĂŒr ihn Freiheit, sein höchstes Gut, seine eigenes Wort fĂŒr GlĂŒck. „Ich habe irgendwann verstanden, dass es das war, danach hatte ich immer Sehnsucht gehabt. Die Freiheit, alles selbst in der Hand zu haben. Aber wie Kris Kristofferson schon sang: ‚Freedom’s just another word for nothin’ left to loose’ – erst durch meinen Niedergang habe ich diese Freiheit gefunden.”

In diesem Zustand hatte er sich, mit Mitte 60, eigentlich behaglich eingerichtet, bereit, sein Leben ausklingen zu lassen. Er spielt weiter Konzerte, die ihm sein Auskommen sichern, er arbeitet weiter an neuen Projekten. Allerdings ohne noch jemals Gedanken an das ganz dicke Business zu verschwenden. „Mich wollte ja keiner mehr, zumindest, was die große Musikwelt anging. Ich habe ja auch ’ne Menge verbrannte Erde hinterlassen.” Umso verwunderter ist er, auf welch großes Interesse seine Ideen plötzlich wieder stoßen. Und froh ĂŒber die unverhoffte, spĂ€te Aufbruchstimmung: „Ich bin dankbar fĂŒr diesen Tritt in den Arsch. Es ist fĂŒr mich ein Geschenk. Ich könnte weinen vor Freude, dass es noch einmal richtig losgeht: Alter Junge, halt dich ran, es geht nicht ewig weiter. Verplemper nicht den Rest deines Lebens, gib noch ein bisschen Gas!” Das Wort „Comeback” will Gunter Gabriel in diesem Zusammenhang allerdings nicht hören, „ganz einfach, weil ich immer mit dem Arsch am Wackeln war. Vielleicht könnte man eher sagen: Dies alles ist einfach ein schönes Finale fĂŒr mein Leben.”

Sohn aus dem Volk

Gunter Gabriel hat einen langen Anlauf genommen, um zu seinen Wurzeln zurĂŒckzukehren: ein Mann, eine Stimme, eine Gitarre. Beiwerk nur so viel, dass es diese Troika nicht stört.

Unter dieser einfachen Decke enthĂ€lt „Sohn aus dem Volk” ausnahmslos alles, was Gunter Gabriel ausmacht. Angefangen mit seinen Vorbildern, die in Sound und Haltung an vielen Stellen anklingen, Willie Nelson etwa oder Lonnie Donegan mit seiner Working-Man-AttitĂŒde. Vor allem aber Johnny Cash, sein Freund, mit dem Gunter Gabriel gemeinsam auf der BĂŒhne stand, den er bei AbstĂŒrzen erlebte und in dessen Studio er wenige Tage vor seinem Tod einige Cash-Songs auf Deutsch aufnahm. Letztlich war es auch Johnny Cash, der mit seinem SpĂ€twerk, den von Rick Rubin produzierten “American Recordings”, die InitialzĂŒndung fĂŒr das neue Album lieferte: Cover-Songs, extrem reduziert, durch den Interpreten zu völlig neuem Leben erweckt. Und auch hiermit geht Gunter Gabriel zurĂŒck an den Ursprung seiner Karriere, seit seinem ersten Hit ist er ein Meister der Adaption, als er Dylans “Wanted Man” in sein „Ich werd gesucht ...” ĂŒberfĂŒhrte.

Und ob er nun den Song “Creep” in ein GĂ€nsehaut erzeugendes „Ich bin ein Nichts” verwandelt oder kolossal-lakonisch Ideals „Blaue Augen” interpretiert – Gunter Gabriel macht sich die Songs zu eigen, textlich und musikalisch. Peter Fox’ aktueller Hit „Haus am See” schließlich, unglaublich laid back in einem Delta-Blues-Gewand, klingt, als könnten diese Zeilen unmöglich von jemand anderem stammen als von Gabriel selbst. Ein Geniestreich.

Der Subtitle “German Recordings” ist eine Verbeugung vor Johnny Cash, ein Dank fĂŒr die Inspiration, doch das Album ist keine Kopie des American-Recordings-Konzepts: „Sohn aus dem Volk” enthĂ€lt neben herausragenden Duetten mit The BossHoss („Helden”) und Klee („Zwei Fragen”) einige neue Songs von einer Kraft, die nur aus großer Lebenserfahrung erwachsen kann: Wenn Gunter Gabriel „Ich geb den Rest fĂŒr dich” anstimmt, dann ist das fĂŒr ihn ResĂŒmee und Ausblick zugleich.

FĂŒr die Aufnahmen verantwortlich zeichnet Wolfgang Stach, der sich als Erfolgsproduzent von GrĂ¶ĂŸen wie BAP oder den Guano Apes einen Namen gemacht hat, genauso als Entdecker und Förderer junger Formationen wie Bosse oder Karpatenhund. Gunter Gabriel gilt gemeinhin als kaum ausrechenbar, als schwieriger Charakter – milde ausgedrĂŒckt. Und es ging um nicht weniger als das Album seines Lebens. Wolfgang Stach stellte sich der Herausforderung und eineinhalb Jahren intensivster Arbeit mit einer so einfachen wie schlĂŒssigen Sound-Idee: Junge Band trifft auf Erfahrung. Das Ergebnis klingt frisch und direkt, ist aber zugleich so unglaublich abgehangen gespielt, als wĂ€re jeder der Musiker anstelle der Muttermilch mit Wasser des Mississippi großgezogen worden. Auf dem Album gibt es keinen halbherzigen Ton, bis hin zum kleinsten Knacken oder RĂ€uspern ist die Entschlossenheit spĂŒrbar – ohne großes Drumherum, puristisch, akustisch und kraftvoll. So erdig, dass man die einzelnen Körner zwischen den ZĂ€hnen knirschen fĂŒhlt. Und so ehrlich, dass es einem TrĂ€nen in die Augen treibt, ob vor Melancholie oder Freude.

Über all dem steht Gunter Gabriels Stimme, sie allein diktiert Richtung und Schlagzahl. Denn eine solche Stimme weiß, wovon sie spricht – so ein Organ bekommt weiß Gott niemand geschenkt. Doch wenn die Stimme auf einem Album wie diesem erklingt, dann ist das ein akustischer Beleg, dass all der Whiskey, die zahllosen Zigaretten und die lange Zeit am Ende immerhin zu etwas nutze waren.

Wer einmal tief im Keller saß

Gunter Gabriel hat sein Leben aufgeschrieben. Technisch betrachtet enthĂ€lt das Buch 200 Seiten. Ereignisse bietet es jedoch weit mehr, als sie ein halbwegs normaler Werdegang je vertragen könnte. „Wer mit vier seine Mutter verliert, entwickelt sich anders als jemand, der immer eine hatte”, schreibt Gunter Gabriel eingangs, und das Buch liefert die unumstĂ¶ĂŸliche BestĂ€tigung: In seinen unverkennbar eigenen Worten erzĂ€hlt er eine der außergewöhnlichsten Biografien der vergangenen Jahrzehnte.

Wie kann ein Mensch, der einmal so erfolgreich war, dermaßen abstĂŒrzen und schlussendlich trotzdem so glĂŒcklich sein? Gunter Gabriel beginnt seine Geschichte mit den vagen Erinnerungen, die ihm von seiner Mutter geblieben sind, schildert seine Jugend als Sohn eines prĂŒgelnden SchrankenwĂ€rters, seinen Weg zur Musik. Er schont sich nicht, auch nicht in den ausfĂŒhrlichen Passagen, die von seinen vielen Aufstiegen und StĂŒrzen handeln, von Liebe und AffĂ€ren, von massiven Konflikten, ob mit sich selbst, der Staatsgewalt oder anderen AutoritĂ€ten, die Gunter Gabriel nur schwer akzeptieren kann. Depressionen, finanzieller Ruin, Momente, in denen er dem Tod mit mehr GlĂŒck als Verstand von der Schippe springt – Gunter Gabriel lĂ€sst nichts aus. Dabei verliert er jedoch nie seine WĂŒrde, seinen Humor und seine, wie er es nennt, „positive Geisteshaltung”.

Sein Leben fĂŒhrt Gunter Gabriel durch das gesamte Nachkriegsdeutschland, von ‘42 bis heute; von BĂŒnde in Westfalen ĂŒber Hamburg, Berlin, Köln und MĂŒnchen bis in den kleinsten Winkel der Republik. Ein lange Zeit rastloses Leben zwischen allen Extremen, das jetzt, in der RĂŒckschau, fĂŒr Gunter Gabriel selbst plötzlich einen Wert bekommt.

Das Buch ist nur selten wirklich chronologisch, Gunter Gabriel berichtet sehr subjektiv und aus dem Bauch heraus. Oft wendet er sich direkt an den Leser, zitiert aus seinen TagebĂŒchern oder aus prĂ€genden Songs. Doch er lĂ€sst auch andere zu Wort kommen: WeggefĂ€hrten, Freunde oder seine Ex-Frauen und Kinder, deren Erinnerungen seine Sichtweise der Ereignisse nicht selten völlig auf den Kopf stellen. Es gibt nichts zu verbergen, dafĂŒr umso mehr zu erzĂ€hlen – ehrlich, menschlich, emotional und direkt.

„Wer einmal tief im Keller saß” erscheint parallel auch als Hörbuch, jedoch nicht in gewöhnlicher, gelesener Form. Gunter Gabriel erzĂ€hlt mehr, als dass er liest, interpretiert frei und unterbricht hĂ€ufig mit seiner Gitarre und einem ihm gerade passend erscheinenden Song. Ein akustisches Abenteuer.

(Quelle: Warner Music, 2009)


FORMAT: CD


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